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Buchtipp: „Leonardo – Der Mann, der alles wissen wollte“

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Samstag, den 2. März 2019

Neben der Norm

Von Uta Luise Zimmermann-Krause

Wer von der Üppigkeit der europäischen Renaissance erfahren möchte, lasse sich von Bernd Roeck als Autor zu Leonardo da Vinci führen. In seinem Buch „Leonardo – Der Mann, der alles wissen wollte“, Neuerscheinung bei Verlag C.H.Beck im Leonardo-Jubiläumsjahr, skizziert Roeck ein Genie mit menschlichen Fehlern, einen gutaussehenden Mann, der sich vornehm kleidete, von Sex viel und von Liebe noch mehr verstand, der guten Wein nicht verachtete, andere bestens zu unterhalten wusste mit Schnurren und Zoten und im Alltagsleben ganz beständig daherkam. 

Bernd Roeck ist Professor (em.) für neuere Geschichte an der Universität Zürich und einer der besten Kenner der europäischen Renaissance. In seinem Werk nimmt er die kreativen Prozesse, bei denen Leonardos wegweisende Erfindungen und seine unvergleichliche Kunst entstanden, in den Blick. In fünf übersichtlich gegliederten Kapiteln werden die Lebensstationen auf unterhaltsame und leicht verständliche Weise erzählt. Leonardo entstammte einer flüchtigen Liaison zwischen einem Notar und Catarina, der Tochter eines Bauern. Doch die Eltern heirateten nicht einander, sondern andere Partner. Leonardo besuchte wohl in Florenz, der ansehnlichsten und schönsten Stadt der ganzen Welt, eine Abakus-Schule und wurde schon früh als Genie und Künstler eingestuft. Als Leonardo bei Verrocchio in die Lehre ging, machte er Erfahrung mit der Knochenarbeit vor der Kunst, das Material vorzubereiten, die Farben zu zerstoßen und anzurühren und noch vieles mehr. Er suchte Kontakt zu Bildhauern, Goldschmieden, Gießkunst. Von Leonardo sind unzählige Skizzen erhalten, welche die Beschäftigung mit Architektur, mit Menschen in unterschiedlichen psychischen Verfassungen, mit Blumen, Skulpturen, großen Gemälden an Hochaltären, dem Bau eines Flugapparats, belegen. Leonardo erscheint als herausragender Vertreter des „Zeitalters der Mechanisierung“. 

Er verglich die Stromlinienform von Fischen mit den Umrissen von Schiffen wurde so zum Vordenker der Bionik. Und den Flugkünsten der Vögel ging er nach und beschäftigte sich mit Leichtbaumaterial. Er erfreute sich an rotem Wein, dem „göttlichen Saft der Traube“ und vegetarischem Genuss. Mehr als abfällig äußerte er sich zum Verzehr von gesottenen Zungen von Schweinen: „O welch ein Dreck, wenn man sieht, dass ein Lebewesen die Zunge eines anderen im Hintern hat!“ Schier grenzenlos war seine Kreativität als Erfinder von Waffen, basierend auf antiken und mittelalterlichen Ideen.

Bernd Roeck ist es meisterhaft gelungen, die Vielfältigkeit des genialen Künstlers in den Vordergrund zu stellen und die Neugier der Leserschaft zu befördern. Was erlebte Leonardo in Mailand, Venedig, Rom, in Orten an der Loire, wie formte er seine Netzwerke zu höchster Nützlichkeit. „Mit seiner Freigebigkeit versammelte er Freunde um sich und bewirtete sie, arme wie reiche, wenn sie nur Geist und Können zeigten“, weiß Giorgio Vasari als Verfechter der Ästhetik der antiken Kunst. Und welcher Art sei Leonardos Umgang mit Salai, dem etwa 39 Jahre jüngeren Adoptivsohn und Gehilfen von Leonardo da Vinci? Salai wird in Florenz festgenommen mit dem Vorwurf der Hochstapelei, Diebstahl und Verschwörung. Leonardo verzieh ihm seine kleinkriminellen Handlungen und sorgte für aufwendige Kleidung, weil ihm dessen „Anmut und Schönheit“ sowie sein „gekräuseltes Lockenhaar“ gefielen. Leonardo wird eine Verteidigung der körperlichen Liebe zwischen Männern (beziehungsweise zwischen Männern und Knaben) zugesprochen, denn er bezeichnet Salai als seinen Geliebten. Leonardo preist Salai als äußerst hübsch mit schönen, gewellten Haaren und wohl proportionierten Mund und Augen und er bezeichnet ihn als seinen geliebten „pincerna“ (dt. Mundschenk). Auch soll Salai das Modell für das Gemälde Mona Lisa gewesen sein. 

Der Name „Mona Lisa“ sei ein Anagramm zu „Mon Salai“ (dt. Mein Salai). Wie dem auch sei, Leonardo gingen niemals die Fragen aus – und er suchte wie ein Besessener nach Antworten bis zu seinem Tode am 2. Mai 1519.  Um Leonardo für die Nachfolgenden  ein äußeres Erscheinungsbild zu geben, rekonstruierte Frau Dr. Grit Schüler am Forensischen Institut Zürich Leonardos Porträt, wohl gefertigt von dem Maler Francesko Melzi  und gab ihm ein phantombildartiges Antlitz, umrahmt von kastanienbraun gefärbten Haaren.  

Wer mehr wissen möchte über Leonardos exaltiertes Leben, dem sei die Biographie „Leonardo – Der Mann, der alles wissen wollte“ an die Hand empfohlen.   
         
- Bernd Roeck.
Leonardo – Der Mann, der 
alles wissen wollte,  
429 Seiten, 104 Abbildungen, 
davon 32 in Farbe, gebunden, 
Hardcover, Schutzumschlag
C.H.Beck Verlag, 2019, 
ISBN: 978-3-406-73509-7
Preis: € 28,00