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Impfen 28

Gesundheit-News: Wir leben immer länger - Was bedeutet das für das Impfen?

28. April 2021

Höhere Durchimpfungsraten gelten als Schlüssel für ein gesundes Altern. Doch die Möglichkeiten, die Impfstoffe bieten, werden noch zu wenig genutzt. Ein Projekt von Wissenschaftsorganisationen, Universitäten und der forschenden Pharmaindustrie aus ganz Europa will das ändern.

Höhere Impfraten erreichen – das ist das Ziel der Europäischen Impfwoche (EIW), die jedes Jahr Ende April stattfindet (26. April bis zum 2. Mai 2021) und die von der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgerufen wird. Das gleiche Ziel verfolgt ein Projekt der Innovative Medicines Initiative (IMI). Mit VITAL – Vaccinating Elderly For Healthy Ageing sollen die Grundlagen geschaffen werden, dass in Zukunft in Europa ähnliche Impfprogramme für ältere Menschen Standard sind, wie es sie heute schon bei Kindern gibt. VITAL ist ein Projekt von 17 Forschungsinstitutionen und sieben Industrieunternehmen – darunter auch die Impfstoffspezialisten GlaxoSmithKline und Pfizer. IMI ist die weltweit größte öffentlich-private Partnerschaft im Bereich der Life Sciences. Finanziert von der EU-Kommission und dem europäischen Pharma-Dachverband EFPIA, will sie mit ihren Wissenschaftsprojekten die Voraussetzungen schaffen, dass künftig schneller innovative Medikamente und Impfstoffe entwickelt werden können.

SARS-CoV-2 hat deutlich gemacht, was wir eigentlich wissen: Der Schutz gerade älterer Menschen vor den Folgen von Infektionskrankheiten ist nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die öffentliche Gesundheit ein hohes Gut. Und eine große Herausforderung. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Krankheiten, gegen die man sich nicht oder noch nicht mit einer Impfung schützen kann (z.B. HIV, Hepatitis C oder das Chikungunya-Fieber), und solchen, die impfpräventabel genannt werden, weil es zugelassene Vakzine gibt. Dazu gehören Influenza, Masern oder Hepatitis B. Oder – mit der Zulassung des allerersten Impfstoffes im Dezember 2020 – auch COVID-19. Wie in einem Suchscheinwerfer zeigt uns die Pandemie, was Impfstoffe zu tun in der Lage sind: Ohne sie bräuchte man momentan über ein mögliches Ende der Pandemie nicht einmal nachzudenken.

Europas demografische Formel: Mehr Lebensjahre, weniger Kinder

Aber Impfstoffe wirken nur, wenn sie auch verabreicht werden.

Hohe Durchimpfungsraten sollten deshalb das Ziel einer langfristigen Politik sein, will man die Zahl der gesunden Lebensjahre ab Geburt erhöhen. Es ist eine Strategie, die vor allem für die Menschen in Europa gelten müsste: Denn Europa gehört zu den Kontinenten, auf dem die Folgen der demografischen Entwicklung in den nächsten Jahren mit am stärksten zu spüren sein werden. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Die Lebenserwartung in Europa steigt und steigt – das Durchschnittalter ist das höchste aller Weltregionen. Es ist die Folge ökonomischer, sozialer und medizinischer Fortschritte. Gleichzeitig planen Europas Familien immer weniger Kinder (2018: 1,55). Das bedeutet zwangsläufig, dass sich die Altersstruktur der Bevölkerung verschiebt: Der „alte Kontinent“ wird immer mehr zum alten Kontinent. „Kinder bekommen die Leute immer“, wusste Bundeskanzler Konrad Adenauer. Weltweit betrachtet stimmt das weitgehend – aber in Europa zunehmend weniger.

Gesundheitliche Folgen des Alterns

Eine alternde Bevölkerung – das bedeutet ein Mehr an Krankheit, ein Mehr auch an chronischen Erkrankungen und ein Immunsystem, das altersbedingt seine Leistungsfähigkeit verliert. Dann, wenn es am stärksten gebraucht würde, lässt seine Heilungskraft nach. Deshalb gilt in der Regel auch, dass die Wirksamkeit von Impfstoffen bei dieser Personengruppe nachlässt. Es ist ein Teil der Forschung von Pharmaunternehmen, wirksame Impfstoffe gerade für ältere Menschen zu entwickeln, ohne dabei die Nebenwirkungen zu erhöhen.

Das IMI-Projekt VITAL arbeiten an vier „Arbeitspaketen“:

die Quantifizierung der Krankheitslast von Erkrankungen bei alternden Menschen, die mit einer Impfung zu vermeiden wären (impfpräventable Erkrankungen);

die Analyse und das Verständnis für die Mechanismen, die bei zunehmendem Lebensalter zu einem Nachlassen der Leistungsfähigkeit des Immunsystems führen (Immunoseneszenz);

die Erforschung möglicher klinischer und wirtschaftlicher Auswirkungen von Impfstrategien;

die Entwicklung von Materialien zur Fort- und Weiterbildung für medizinische Fachkräfte.

Das Projekt steht erst am Anfang sagt Projektkoordinatorin Debbie van Baarle, Professorin an der Uni Groningen: „Wir analysieren und vergleichen die Impfantwort von Jungen und Alten, um die Defizite zu verstehen, die bei der Immunantwort von Älteren maßgeblich sind. Wir sammeln retrospektive und prospektive Daten über Krankheitslasten und entwickeln Modelle, die uns helfen sollen, den Einfluss und die Prioritätensetzung neuer Impfstrategien zu erkennen, um sie erfolgreicher umsetzen zu können.“ Dahinter steht die Frage, wie man die richtige Präventionsmaßnahme gegen eine Infektionskrankheit im richtigen Moment der richtigen Risikopersonengruppe zu kommen lassen kann.

VITAL: Bessere Krankheitsvorsorge, besseres Monitoring

Ob das mit zwölf Millionen Euro ausgestattete Projekt, das mehr oder weniger hälftig von der EU und EFPIA finanziert wird, ein Erfolg wird, macht van Baarle davon abhängig, ob es gelingt, „koordinierte und deshalb effiziente Impfprogramme für alternde Erwachsene zu implementieren, ähnlich zu dem, was heute bei Kindern Standard ist.“ Die Programme sollten idealerweise fester Bestandteil in den jeweiligen Gesundheitssystemen werden. „Die Ergebnisse werden uns in einem frühen Stadium aufzeigen, welches nächste große Infektionsproblem mit adäquaten und besseren Impfstoffen angegangen werden muss. Und sie werden uns in die Lage versetzen, über ein besseres Überwachungssystem Veränderungen bei bekannten Krankheitserregern zu erkennen.“ Das ultimative Ziel: „ein effizienteres und nachhaltigeres Präventionsprogramm, das gesundes Altern europäischer Erwachsener sicherstellt“.

Europa will und Europa muss im Vermeiden von Infektionskrankheiten und ihren Komplikationen besser werden. Und es kann die Möglichkeiten, die Impfstoffe im Vermeiden von Krankheiten heute schon bieten, besser nutzen. Um das zu erreichen, dürfte VITAL vital sein.


Text: Pharma Fakten e.V.