veröffentlicht am 1. Mai 2026
Bad Emstal, April 2026. Stottern wird häufig als vorübergehendes Phänomen der Kindheit wahrgenommen. Tatsächlich bleibt die Redeflussstörung bei einem Teil der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter bestehen und wirkt sich auf verschiedene Lebensbereiche aus.
Nach Angaben der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. ist rund 1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen. Neben den hörbaren Sprechunflüssigkeiten – etwa Wiederholungen, Dehnungen oder Blockaden – prägen insbesondere gedankliche und emotionale Prozesse den Alltag. Sie beeinflussen das Selbstbild, das Auftreten gegenüber anderen sowie die Teilhabe im privaten und beruflichen Umfeld.
„Viele Betroffene gewöhnen sich über Jahre daran, Situationen zu vermeiden, in denen sie sprechen müssen – und merken oft erst spät, wie stark sie sich dadurch einschränken“, erklärt Dr. Alexander Wolff von Gudenberg, selbst Betroffener und ärztlicher Leiter des KST Instituts.
Scham als zentrales Thema
Verlegenheit gehört zu den häufigsten Erfahrungen vieler Menschen, die stottern. Sie entsteht häufig in Situationen, in denen Unsicherheit sichtbar wird und negative Reaktionen erwartet oder bereits erlebt wurden – etwa ungeduldige Zuhörer, unterbrochene Sätze oder irritierte Blicke. Anders als offensichtliche Emotionen wie Angst zeigt sich Scham oft indirekt: Gespräche werden verkürzt, Wortmeldungen vermieden oder eigene Meinungen bewusst zurückgehalten.
Auch scheinbar kleine Entscheidungen, wie das Bestellen im Restaurant oder ein Anruf, können zur inneren Belastung werden. Mit der Zeit verfestigen sich diese Verhaltensmuster und führen dazu, dass Betroffene ihren Handlungsspielraum zunehmend einschränken – nicht aufgrund fehlender Fähigkeit, sondern aus dem Wunsch heraus, unangenehme Situationen zu vermeiden.
Auswirkungen aufs Berufsleben
Im Arbeitsumfeld wird dieses Verhalten besonders problematisch. Hier gelten sicheres Auftreten und klare Kommunikation häufig als selbstverständlich, unabhängig von der tatsächlichen fachlichen Kompetenz. Präsentationen, Meetings oder Bewerbungsgespräche können daher zu erheblichen Hürden werden.
„Manche Betroffene berichten, dass sie sich seltener zu Wort melden, obwohl sie inhaltlich viel beitragen könnten, oder dass sie Aufgaben vermeiden, die mit Sprechen vor Gruppen verbunden sind. Entscheidend ist dabei nicht nur das Stottern selbst, sondern die Befürchtung, negativ bewertet zu werden“, erklärt Dr. Wolff von Gudenberg. In der Folge kann ein verzerrtes Bild entstehen, bei dem Zurückhaltung fälschlicherweise als mangelnde Qualifikation oder fehlendes Wissen interpretiert wird, was sich langfristig auf berufliche Entwicklungsmöglichkeiten auswirken kann.
Offener Umgang als Entlastung
Ein offener Umgang mit der eigenen Sprechweise kann dazu beitragen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Wenn Gesprächspartner wissen, dass jemand stottert, verändert sich häufig die Dynamik: Der Druck, „perfekt“ sprechen zu müssen, nimmt ab, und das Gespräch kann entspannter verlaufen. In der Praxis kann das bedeuten, zu Beginn eines Gesprächs kurz darauf hinzuweisen oder bewusst mehr Zeit für das eigene Sprechen einzuplanen. Betroffene gewinnen dadurch mehr Kontrolle über die Situation und fühlen sich weniger stark beobachtet.
„Viele erleben, dass sich Situationen entspannen, sobald Stottern nicht mehr versteckt wird“, so der ärztliche Leiter des KST Instituts. Ein verständnisvolles Umfeld – sei es im privaten Kreis oder am Arbeitsplatz – spielt dabei eine zentrale Rolle, um Sicherheit aufzubauen und neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Bedeutung therapeutischer Unterstützung
Für einen nachhaltigen Umgang mit Stottern ist eine differenzierte therapeutische Begleitung sinnvoll. Sprachtherapeutische Verfahren wie Fluency Shaping setzen direkt an der Sprechweise an und helfen dabei, flüssigeres Sprechen systematisch zu erlernen. Ergänzend dazu unterstützen psychologische Ansätze dabei, belastende Denkmuster – etwa die Angst vor negativer Bewertung – zu erkennen und schrittweise zu verändern.
Auch der Umgang mit Scham wird gezielt thematisiert, beispielsweise durch Übungen, die neue Erfahrungen im Sprechen ermöglichen. Ziel ist nicht nur eine Verbesserung der Sprechflüssigkeit, sondern vor allem eine Erweiterung der eigenen Handlungsmöglichkeiten im Alltag. So können Betroffene lernen, wieder aktiver an Gesprächen teilzunehmen und ihre kommunikativen Fähigkeiten selbstbewusster einzusetzen – beruflich wie privat.
Text / Foto: Borgmeier Public Relations / KST-Institut