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Magdeburg-News: Rehgeweihkopfschmuck belegt Kontakte zw. Wildbeutern und frühesten Ackerbauern


veröffentlicht am Freitag, 13. Februar 2026

Halle/Eilseben/Magdeburg. Mitteldeutschland gehört zu den Gegenden, in denen bereits ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus frühe Bauern die mittelsteinzeitlichen Wildbeuter von den fruchtbaren Lössböden nach Norden verdrängten. Bald nach der Einwanderung kam es jedoch auch zu Austausch zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen. Befunde, die diese Kontakte beleuchten, sind selten. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt untersucht mit der Siedlung von Eilsleben-Vosswelle (Landkreis Börde) einen Schlüsselfundplatz zum Verständnis dieser Zeit. 

In einer kürzlich erschienenen Studie werden nun neue Erkenntnisse zu einem Altfund aus der jungsteinzeitlichen Siedlung vorgestellt: Ein Kopfschmuck
aus einem Rehgeweih hat seinen besten Vergleich im bedeutend älteren mittelsteinzeitlichen Grab der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg. Der Fund
wirft ein Schlaglicht auf die Intensität der Kontakte zwischen frühen Bauern und letzten Wildbeutern.

Historischer Hintergrund: Einwanderung jungsteinzeitlicher Bauern Ab etwa 9600 vor Christus verbesserte sich das Klima in Mitteleuropa nach der
letzten Eiszeit nachhaltig. Dieser Einschnitt ist in der Archäologie mit dem Beginn des Mesolithikums (die Mittelsteinzeit) verknüpft. Die Menschen dieser
Zeitstufe waren wie auch in der davorliegenden Altsteinzeit Jäger und Sammler. In der nun zunehmend bewaldeten Landschaft Mitteldeutschlands
stellten sie mit dem Bogen Beutetieren wie Reh, Rothirsch, Ur/Wisent und Wildschwein nach. Die Bedeutung von Fischfang und pflanzlicher Nahrung
stieg. In diese Zeit gehört das herausragende Grab der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg (Saalekreis).

Neben der Himmelsscheibe von Nebra ist das Grab der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg einer der spektakulärsten Funde der mitteleuropäischen
Archäologie und ein Highlight der Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale). Die 30- bis 40-jährige Frau war vor etwa 9.000
Jahren in einem aufwendigen Grabbau zusammen mit einem etwa sechs Monate alten Kind bestattet worden. Unter anderem ein Kopfschmuck aus
Rehgeweih und Tierzahngehänge belegen die besondere Stellung der Toten als ›Schamanin‹, als spirituelle Anführerin ihrer Gruppe.

Mitteldeutschland gehört zu den Gegenden, in denen bereits ab der Mitte des 6. Jahrtausends vor Christus die ersten Bauern, die genetisch aus Anatolien und der Ägäis abstammen, die Wildbeuter von den fruchtbaren Lössböden nach Norden verdrängten, etwa auf die Sander- und Binnendünenflächen der Altmark. Diese ersten Bauern in Mitteleuropa fassen wir archäologisch als sogenannte Linienbandkeramikkultur. Schon bald nach der Einwanderung kam es jedoch auch zu Kontakten und Austausch zwischen Neuankömmlingen und Alteingesessenen. Befunde, die diese Kontakte beleuchten, sind selten. Aus Sachsen-Anhalt liegt mit der Siedlung von Eilsleben-Vosswelle, Landkreis Börde, einer der wichtigsten Fundorte zum Verständnis dieser Übergangsphase vor.

Ein Außenposten in vorgeschobener Lage: Die Siedlung von Eilsleben Der Fundplatz liegt ganz am nördlichen Rande der Lösszone ungefähr
2,5 Kilometer südöstlich von Eilsleben im Bereich eines leichten Hangs, der zur Aller abfällt, und wurde bereits in den 1920er Jahren durch Oberflächenfunde identifiziert. Auf erste Sondagegrabungen im Jahr 1973 folgten umfangreiche Ausgrabungen durch Dieter Kaufmann zwischen 1974 und 1989, bei denen eine wohl mit Wall, Graben und Zaun befestigte mehrphasige Siedlung der Linienbandkeramikkultur ausgegraben werden konnte. Bemerkenswert ist, dass offenbar bereits die Siedlung der ältesten Linienbandkeramikkultur befestigt war, ein seltener Sonderfall, der mit der vorgeschobenen Position im Grenzland zusammenhängen könnte.

Zu den Wildbeutergruppen in der Umgebung scheint es intensive Beziehungen gegeben zu haben. Nicht nur zeigen die Stein- und die Geweihgeräte der
Siedlung Affinitäten zu mesolithischen Herstellungstechniken und Geräteformen, auch liegt mit einem bearbeiteten Rehgeweih, das Teil eines
Kopfschmucks war, ein Fund vor, dessen nächste Analogien in mesolithischen Masken zu finden sind.

Als Bauern eine Schamanin brauchten: Der Rehgeweihkopfschmuck

Aus einer unscheinbaren, 1987 ausgegrabenen Grube stammt das schädelechte Geweih eines etwa zwei bis drei Jahre alten Rehs, das bei näherer Betrachtung Spuren von Bearbeitung erkennen lässt. Das Schädelfragment ist rechteckig zugerichtet und weist zudem Schnittspuren auf, die auf eine Häutung hindeuten. Unmittelbar am Geweihansatz befinden sich beidseitig jeweils Kerben. Es dürfte sich um einen Kopfschmuck beziehungsweise eine Maske gehandelt haben – die Kerben dienten der Befestigung. Eine Radiokarbondatierung ergab ein kalibriertes C14-Alter von 5291 bis 5034 vor Christus.


Zu einer Kopfbedeckung zugerichtetes Rehgeweih aus 
Eilsleben. Ein ähnlicher Fund liegt aus dem älteren Grab 
der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg vor. Es handelt sich 
um einen deutlichen Hinweis auf Kontakte der frühen 
Bauern zu Wildbeutergruppen.


Ähnlich zugerichtete Geweihe sind in der Jungsteinzeit unbekannt. Sie liegen allerdings aus mesolithischen Fundkontexten in einiger Zahl vor. Die
Deutungen variieren zwischen Verkleidungen von Jägern und der Kopfbedeckung von Schamanen. Die mittelsteinzeitlichen Geweihe stammen
bislang fast allesamt von Rothirschen. Für das wesentlich jüngere Stück von Eilsleben aus Rehgeweih gibt es nur einen guten Vergleich, der ebenfalls aus
Mitteldeutschland stammt. Ein ganz ähnliches Stück liegt aus dem Grab der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg vor und wird als Teil eines aufwendigen
Kopfschmucks interpretiert.

Das Rehgeweih von Eilsleben könnte damit Zeugnis des Kontakts zwischen bäuerlichen Siedlern und wildbeuterischen Ritualspezialisten sein, wie Forscher des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in einem kürzlich erschienen Artikel im renommierten Fachjournal ›Prähistorische Zeitschrift‹ ausführen (https://doi.org/10.1515/pz-2025-2030).

Die neolithische Lebensweise brachte eine Reihe von Veränderungen mit sich, die sich teils negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirkten. Ob
Zahnprobleme durch den regelmäßigen Verzehr stärkehaltigen Getreides, neue virale und bakterielle Erkrankungen durch den engen Kontakt mit Haustieren, ein höheres Unfallrisiko durch schwere Arbeit wie Waldrodung, gewalttätige Auseinandersetzungen um Land – es gibt eine Reihe von Szenarien, in denen die medizinischen Fähigkeiten der frühen Bauern an ihre Grenzen gestoßen sein mögen. Es ist vorstellbar, dass man versuchte, die Fähigkeiten einer erfahrenen Heilerin beziehungsweise eines Heilers zu nutzen, die nicht nur über Kontakte ins Geisterreich, sondern sicher auch über ein umfassendes Wissen zu den medizinischen Eigenschaften lokaler Pflanzen verfügten.



Ein reich verziertes Gefäß der Linienbandkeramik von Eilsleben


Sonderausstellung ›Die Schamanin‹

Vom 27. März bis zum 1. November 2026 zeigt das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) die große Sonderausstellung ›Die Schamanin‹.
Ausgehend von den neuesten Forschungsergebnissen zur außergewöhnlichen Bestattung von Bad Dürrenberg wird in der Schau den frühesten Hinweisen auf das Phänomen des Schamanismus nachgegangen. Ein großer Teil der Ausstellung widmet sich zudem dem Mesolithikum als wichtiger Phase der kulturellen menschlichen Entwicklung. Auch Funde aus Eilsleben werden in der Sonderausstellung zu sehen sein, darunter das bearbeitete Rehgeweih. 

Weitere Informationen zur ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg bietet das Filmprogramm des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-
Anhalt auf YouTube (https://www.youtube.com/@Landesmuseum_Halle) oder in der Mediathek des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale)
(https://mediathek.landesmuseum-vorgeschichte.de/). Ausstellung: ›Die Schamanin‹ – 27. März bis 1. November 2026 – Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale).

Zur Ausstellung erscheint im März 2026 ein reich bebilderter Begleitband im Hirmer Verlag: Harald Meller/Michael Schefzik/Anja Stadelbacher (Hrsg.), Die
Schamanin. 216 Seiten, 180 Abbildungen, 25,5 mal 30 Zentimeter, Klappenbroschur. ISBN: 978-3-7774-4674-5
https://www.hirmerverlag.de/de/titel-89-89/die_schamanin-2797/

Titelfoto: Künstlerische Interpretation der ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg auf Grundlage der Fundzusammensetzung mit
Geweihmaske/-haube und in voller Zeremonialkleidung


Text: Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt | Landesmuseum für Vorgeschichte
Symbolfoto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Karol Schauer,  Juraj Lipták,