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Gesundheit-News: „Gesundheitskongress des Westens“. Wie sich die Klimakrise auf die Gesundheit auswirkt


veröffentlicht am 12. Mai 2023

Über gesundheitliche Folgen der Klimakrise sprachen medizinische Expert:innen beim „Gesundheitskongress des Westens“. 
„Klimawandel: Verstärker für aktuelle und Auslöser für neue Krankheiten?“ 
Über diese rhetorische Frage sprachen beim Gesundheitskongress des Westens in Köln eine Umweltmedizinerin, ein Hausarzt und der Geschäftsführer von KLUG e. V., der deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. Mehr Allergien, neue Krankheitsbilder wie „Gewitter-Asthma“, Hitzetote – das ist kein Zukunftsszenario, sondern Gegenwart.
„Wir atmen den Klimawandel buchstäblich ein“, erklärte Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann gleich zu Beginn ihres Vortrags – sie erforscht als Umweltmedizinerin am Universitätsklinikum Augsburg die gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise. Hitzewellen, vermehrte Waldbrände, Schadstoffe in der Luft – all das trägt dazu bei, dass heute 71 Prozent aller Todesfälle auf „nichtübertragbare Krankheiten“ zurückgehen. Das seien 41 Millionen Menschen, die jedes Jahr weltweit an den Folgen von beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronischen Atemwegserkrankungen oder Krebs sterben. Der Klimawandel ist nicht die alleinige Ursache solcher Krankheiten, aber er treibt die Fallzahlen deutlich in die Höhe.

Allergien breiten sich rasant aus
Das gilt auch für Allergien, unter denen mittlerweile fast jeder zweite Mensch in Europa leidet. Und: „Die Zahl an Menschen mit mehreren Allergien nimmt ebenfalls zu“, sagt Traidl-Hoffmann. Hautausschläge, Gräser-Allergien, Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten – dies alles trete gehäuft gleichzeitig auf. Der Zusammenhang mit dem Klimawandel ist dabei eindeutig, denn: „Trockenstress, Hitzestress und Stress durch Schadstoffe in der Luft machen die Pollen aggressiver“ – sie schütten dann mehr Eiweiße aus, die zu allergischen Reaktionen führen. Zugleich fliegen sie früher und länger – und es tauchen neue Pollenarten auf. Besonders viel Kopfzerbrechen bereitet Traidl-Hoffmann die Ambrosia-Pflanze, die besonders starke und langwierige allergische Reaktionen auslösen kann. Die Forscherin setzte Ambrosia-Pflanzen in der „Klimakammer“ an ihrem Institut „künftigen klimatischen Bedingungen aus“, wobei sie und ihr Team darauf achten mussten „da nur vermummt reinzugehen wie zu Corona-Patienten am Anfang der Pandemie“. Ergebnis dieser Versuche: „Ambrosia weitet sich aus“ – und das, obwohl in den letzten Jahren ein „natürlicher Feind“ aufgetaucht sei, ein Käfer, der gerne Ambrosia-Blätter frisst.

Neben den gesundheitlichen Folgen führen Allergien zu enormen Folgekosten, die europaweit in die Milliarden gehen. Im Vergleich zu den Kosten durch den Verlust der Arbeitsfähigkeit seien die Behandlungskosten einer Allergie gering: „Eine Hyposensibilisierung kostet relativ wenig im Vergleich dazu, wenn ich einen Allergiker nicht behandle“, so Traidl-Hoffmann.

9.000 Hitzetote in Deutschland
„Das größte Problem, wenn wir über Klimawandel und Gesundheit sprechen, ist aber die Hitze“, erklärte die Forscherin. „Allein im Jahr 2018 gab es fast 9.000 Hitzetote in Deutschland, im Jahr 2022 waren die Zahlen ähnlich hoch.“ Dabei handle es sich um Schätzungen auf Basis der Übersterblichkeit, denn leider gebe es in Deutschland kein Hitzeregister. Fest steht nach Traidl-Hoffmanns Worten aber: „Deutschland verzeichnet nach China und Indien die meisten Todesfälle durch Hitze.“ Hohe Temperaturen dürften daher nicht bagatellisiert werden. „Rätselhaft: 20 Schüler erleiden Kreislaufkollaps bei Sportfest“, hatte vergangenes Jahr eine Lokalzeitung in Freising getitelt. „Was ist daran rätselhaft?“, fragte Traidl-Hoffmann. Aus dem Text sei klar hervorgegangen, dass die Kinder bei 35 Grad einen 800-Meter-Lauf absolviert hatten.

Die Erderwärmung führt dazu, dass sich „Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber auch bei uns ausbreiten“, so die Umweltmedizinerin weiter. Bereits verdoppelt habe sich in den vergangenen 12 Jahren die Zahl an Borreliose-Fällen – eine Erkrankung, die durch Zecken übertragen wird. Als neues Krankheitsbild sei außerdem das so genannte „Gewitter-Asthma“ aufgetaucht – Ursache dafür seien platzende Pollenkörner, deren winziger Inhalt sich auch in tiefe Lungenabschnitte eingraben könne. Und selbst der Verlauf von Corona-Infektionen sei durch Umweltfaktoren beeinflusst worden: „Wir wissen, dass gerade Menschen in sehr verschmutzten Regionen sehr schwere Verläufe hatten – es gab da durchaus regionale Unterschiede in Bezug auf die Pandemie.“

„Klimasprechstunde“ beim Hausarzt
Der Hausarzt und Psychotherapeut Dr. Ralph Krolewski hat in seiner Praxis eine „Klimasprechstunde“ eingeführt: „Seit 2019 habe ich dort 1.500 Interventionen durchgeführt“, so der Mediziner. Dazu zählen Beratungen darüber, wie sich der eigene ökologische Fußabdruck verringern und zugleich die Gesundheit verbessern lässt – aber auch das richtige Verhalten bei Hitze. Viele Patientinnen und Patienten seien überrascht, dass Krolewski das Thema Klimakrise anspricht – aber gerade bei jüngeren Patientinnen und Patienten erlebe er viele positive Reaktionen. „Bei ihnen gibt es eine zunehmende Bereitschaft zu einer Ernährungsumstellung mit weniger Fleisch und mehr pflanzlicher Kost“, so Krolewski. Kleine Schritte, die aber viel bewirken, denn allein durch individuelle Verhaltensänderungen „könnten wir sofort 30 Prozent unserer Schadstoff-Emissionen einsparen.“ Krolewski selbst verzichtet schon längere Zeit aufs Auto. 

KLUG-Geschäftsführer Prof. Dr. Christian Schulz verwies darauf, dass die Klimakrise kein linearer, sondern ein komplexer und exponentieller, rasant ansteigender Vorgang sei, der zudem viele weitere Krisen im Gefolge habe: „Die Klimakrise führt zu weiteren Krisen, etwa zu Nahrungsmittel-Knappheit, Wassermangel und zur Ausbreitung von Krankheiten.“ Eine stark unterschätzte Krise sei zudem „der Verlust an Bio-Diversität“, also der dramatische Rückgang an weltweiten Tier- und Pflanzenarten. „Wir wissen genug, um die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen“, erklärte Schulz, „aber die Frage ist: Wie überwinden wir die Lähmung? Wie gelingt es, die Menschen zu mobilisieren und mitzunehmen?“

Bislang gibt es darauf keine schlüssige Antwort. Dennoch gab es in der Runde auch Zuversicht. „Im Jahr 1950 wurden in den Kliniken noch Zigaretten am Krankenbett verkauft“, meinte Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, „heute lachen wir darüber.“ Sie hofft, dass wir es in 20 oder 30 Jahren genauso abstrus finden werden, wenn vom Zögern bei der Energiewende die Rede sein wird. Ihr Fazit: „Klimawandel macht krank“ – vielleicht kann diese Erkenntnis zu einer „Transformation der Gesellschaft“ beitragen.


Text / Foto: PHARMA FAKTEN - ©iStock.com/Jatuporn Tansirimas