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Buch-News: „Was mein Vater nicht erzählte – Geschichte eines Mitläufers“

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Montag, den 15. April 2019


Geschwiegene Sympathie

Von Uta Luise Zimmermann-Krause

Im Buch «Was mein Vater nicht erzählte – Geschichte eines Mitläufers», erschienen im Verlag C.H.Beck, präsentiert der Autor Hermann Kurzke als einer der besten Kenner Details zur Geschichte der NS-Zeit. Hermann Kurzke ist Professor em. für Neuere deutsche Literatur an der Universität Mainz. Im Nachlass seines Vaters erschloss der Germanist und Autor einen Schrank mit aussagekräftigen Akten aus der NS-Zeit. Beim Durchsehen fand er mitunter plausible Antworten auf seine Fragen, über die im Leben des Vaters nie gesprochen wurde. Andererseits bleibt bis heute vieles unbeantwortet. Sein Vater Herbert Kurzke war Physiker, verhalf Modellflugzeugen in die Luft und hatte Freude beim Basteln von Maschinen verschiedener Art. Aus den Akten des Nachlasses geht hervor, dass Herbert Kurzke in der Wehrphysik tätig und im Krieg uk-gestellt war. Es treten Akten des Reichspatentamtes zutage – im Bereich Zündung, doch zwischenzeitlich auch für Ein-Mann-Boote. Dass er in der Familie niemals über Hitler, sondern nur über den Papst sprach, sollte heute beim Lesen der Fakten nicht verwundern. Seit 1935 zählte Dr. phil. Herbert Kurzke zu den Mitarbeitern im altehrwürdigen Institut am Reichstagsufer 7-8, in der «Abteilung G» (= Geheim). Um zum Arbeitsplatz in den vier abgegrenzten Räumen zu gelangen, musste auch Herbert Kurzke die schwere Eisentür passieren, denn er arbeitete unter der Leitung von Erich Schumann an Aufträgen des Reichsministers für Luftfahrt Hermann Göring, bei dem man nichts zu leiden hatte. Erich Schumann war nicht nur als ordentlicher Professor der Physik an der Friedrich-Wilhelms-Universität, sondern auch Ministerialdirigent im Heereswaffenamt, Chef der Forschungsabteilung im Oberkommando des Heeres und Chef der Abteilung Wissenschaft im Oberkommando der Wehrmacht. Reichlich verfügbares Geld sollte ebenfalls für Nachwuchs sorgen, denn nach Manfred von Ardenne war so etwas wie ein unfähiger Mensch an wichtiger Stelle. Ein Gutachten über Herbert Kurzke stammt aus der Feder von Wilhelm Orthmann, einem Privatdozenten für Physik: ´… Seit dem Juli 1933 tut er freudig in der SA Dienst und hat sich dort durchaus bewährt. Meiner Meinung nach bejaht er den Nationalsozialismus aus Überzeugung …´ Im Mai 1933 bezeichnete sich der Forscher als Arier und Mann nationalsozialistischer Gesinnung und strebte Mitglied in der NSDAP an.   

Doch bis zu seinem Tod im Jahr 1987 konnte Herbert Kurzke nicht mit seinem Sohn Hermann Kurzke über das Gift, das Leichengift der Nazizeit, das die Zunge ihm lähmte, sprechen. Heer, Luftwaffe und Marine, dazu gehörten auch Forschungsingenieure in Magdeburg. Doch leider wurden hier die Archive vernichtet, so dass nur noch die Unterlagen der Staatssicherheit, wenn auch oft unvollständig, dienen können.  

Der Autor Hermann Kurzke fragt sich, wie der Kauf von Häusern, die eigentlich Juden gehörten, sich lösen ließ. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg musste das Leben im geteilten Deutschland weitergehen mit Herbert Kurzkes Frau und sechs Kindern - in Westdeutschland besser als im Osten, wo die Russen saßen und kassierten. Doch wenn die Wissenschaftler und Forscher im Nationalsozialismus auch Gutes sahen, darüber schwiegen sie besonders im besetzten Osten und versteckten die Riesenrollen Perlondraht aus Berlin-Karlshorst, denn dem Grunde nach blieben Verbindungen zwischen ehemaligen Arbeitskollegen in Ost und West oft weiterbestehen. Dies war, was nicht sein sollte, und so bestrafte die Staatssicherheit die neuen SED-Genossen mit Inhaftierung. Einer interessierten Leserschaft sei das Buch «Was mein Vater nicht erzählte – Geschichte eines Mitläufers» an die Hand empfohlen!   
        
Hermann Kurzke. 
Was mein Vater nicht erzählte – 
Geschichte eines Mitläufers, 
239 Seiten, 33 Abbildungen,
Hardcover, Schutzumschlag,
Verlag C.H.Beck, 2019,
ISBN: 978-3-406-73139-6
Preis: €  24,95